Abschied und Ende
Schwester Barbaras Beerdigung
Unter der langen Schwesternliste der bewegten 415-jährigen Klostergeschichte, steht bei Nummer 400 Schwester Barbaras Name. Sie ist mit 97 Jahren als letzte der Schwesterngemeinschaft gestorben.
Vor zwei Wochen wurde Schwester Barbara beerdigt, im letzten Grab auf dem schön gestalteten Klosterfriedhof.
Die Hälfte der Namen auf den Grabkreuzen sind mir vertraut: 28 Namen, Gesichter, Erinnerungen.
Mein Name steht mit der Nummer 408 als letzter in der Liste des Schwesternverzeichnisses. Schwester Barbara war meine Novizenmeisterin.
Bis zu meinem Austritt nach vier Jahren hatte sie mich begleitet und geprägt; betend, ringend, lachend, schweigend; in der Stille und im lebhaften Austausch; manchmal innerlich so nah, und dann wieder, durch Generationen getrennt, weit entfernt.
Schwester Barbara stand mir am Nächsten, noch näher als Schwester Michaelis, meine Grosstante und älteste Schwester in der Gemeinschaft.
Wären mir damals Charakterstrukturen, Persönlichkeitstypen, Konstitutionen und Spiral Dynamics vertraut gewesen, hätte ich unsere verbindenden Eigenschaften und unsere grossen Herausforderungen klarer erkannt.
So aber wurde ich in meinem jugendlichen Eifer und dem sanguinischen Temperament immer wieder zur Herausforderung für Schwester Barbara und die überalterte Gemeinschaft.
Es war Schwester Barbara, die mich auffing, mich verstand und verteidigte, kritisierte und zurechtwies.
Inzwischen bin ich so alt wie sie, als wir uns kennenlernten. Das ist lange her.
Heute Morgen betrachtete ich im Spiegel meine grauen Haare, wild und struppig, nach einer unruhigen Nacht, in der ich wiederholt vom Kloster geträumt hatte, was seit der Beerdigung wieder öfter vorkommt. Beim Anblick meines grauen Hauptes blitzt eine Erinnerung in mir auf und lässt mich lächeln:
Anlässlich einer Fastnacht führte ich den Schwestern ein kleines
Theaterstück vor. Ich stand als Engel verkleidet, vom Himmel her kommend
im langen Leinennachthemd auf einem prallgefüllten Federduvet, eine
mit Gummifäden bespannte Kartonharfe in den Händen und sang den Refrain: "...über
jedem grauen Haar, schwebt eine ganze Engelschar!"
Ein paar Tage danach ging Schwester Consolata, die grosse, hagere, kritische und streng wirkende Schwester neben mir Richtung Bethaus. Kurz und flüchtig legte sie mir ihren Arm um die Schultern und sagte, es sei schön, die Gabe zu haben, andere Menschen zum Lachen zu bringen.
Vor zwei Wochen stand ich auch vor ihrem Grab und dachte an diese unvergesslichen Worte, die mich damals so tief gerührt hatten.
Ich hatte als junge Schwester viel Unruhe in die Gemeinschaft gebracht. Ich stellte Fragen nach dem Wie und Warum, brachte ungefragt Ideen ein, und stellte Vieles in Frage. Heute, 38 Jahre später und selber nicht mehr jung, nenne ich das meine jugendliche Arroganz.
Traditionsgemäss mischten sich die Schwestern nicht direkt ins Noviziat ein.
Schwester Barbara stand in der Rolle als Novizenmeisterin also zwischen der Gemeinschaft und mir. Sie hat mich zurechtgewiesen, mich über Traditionen und Bräuche aufgeklärt, aber auch verteidigt und beschützt.
Keine Phase meines Erwachsenenlebens hat mich so geprägt wie die vier Jahre im Kloster. Und dazu gehört Schwester Barbara, die mich durch alle Jahre im Gebet begleitet hat, unabhängig, sorgend, liebend, wie in den dunklen Abendstunden nach dem Nachtgebet, als wir bei Kerzenschein im Bethaus sassen, in stiller Betrachtung versunken, im innersten Herzensraum.
Vor zwei Wochen hielt ich an jedem der 28 Gräber inne. Als junge Novizin konnte ich jede der Schwestern blind an ihrem Schritt, am Atmen, am
Hüsteln und Räuspern erkennen, am Rauschen des Ordensgewandes beim Gehen und dem Duft ihrer Seifen.
Meine Erinnerungen sind voller Geschichten
und Bilder, Momentaufnahmen und emotionaler Spuren von Höhen, Tiefen
und stillem Dahingleiten.
Noch jetzt, beim Schreiben dieser Erinnerung, steigt in mir eine grosse Dankbarkeit auf, aber auch eine stille Trauer und Wehmut.
Und ich hoffe, dass ich mit der Gabe, Menschen zum Lachen zu bringen, etwas davon gut gemacht habe, was ich damals aus jugendlichem Eifer und sanguinischem Temparament an "Geschirr" zerschlagen habe.
Ruhet in Frieden.
Mit innigem Dank an Frau Pia Iten vom 'Verein Kloster Maria Opferung' ( https://www.kloster-maria-opferung.ch ) und die Gemeinschaft 'Anima Una' (https://www.anima-una.ch) für die würdevolle und stimmige Abdankung.
Die neue Geschichte hat schon lange begonnen.
Regula Fischer
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